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Impressionen der Hofkonzerte bei
Klavier Wagner:
Aus dem "Literarischen
Klavierabend" vom 10.11.2007
Johannes Dunkl (szenische Texte) und Marcus Englert (am Flügel)
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(18,5 min, 8,44MB)
Der selbstsüchtige Riese
(Oscar Wilde)
Wenn die Kinder am Nachmittag aus der Schule kamen, gingen sie
für gewöhnlich in den Garten des Riesen, um dort zu spielen.
Es war ein großer, wunderschöner Garten mit weichem grünen
Gras. Hier und da standen prächtige Blumen sternengleich auf
der Wiese, außerdem zwölf Pfirsichbäume, die im
Frühjahr zarte Blüten in rosa und perlweiß hervorbrachten
und im Herbst reiche Frucht trugen. Die Vögel saßen in
den Bäumen und sangen so lieblich, dass die Kinder im Spiel
innehielten, um ihnen zuzuhören. "Wie glücklich sind
wir doch hier!", riefen sie einander zu.
Eines Tages kam der Riese zurück. Er hatte seinen Freund besucht,
den Menschenfresser von Cornwall, und er war sieben Jahre lang bei
ihm geblieben. Nachdem die sieben Jahre vergangen waren, hatte der
Riese all das gesagt, was zu sagen war; seine Gesprächsbereitschaft
war nämlich begrenzt, und so entschied er sich dafür,
in sein eigenes Schloss zurückzukehren. Als er dort ankam,
sah er die Kinder in seinem Garten spielen.
"Was macht ihr hier?", schrie er mit äußerst
mürrischer Stimme und die Kinder liefen verängstigt davon.
"Mein eigener Garten ist immer noch mein eigener Garten",
sagte der Riese, "das muss jeder einsehen, und ich werde niemals
jemandem außer mir selbst erlauben, darin zu spielen".
Und so errichtete er eine hohe Mauer rings um den Garten und stellte
ein Warnschild mit den folgenden Worten auf: Unbefugten ist der
Zutritt bei Strafe verboten! - Er war wirklich ein sehr selbstsüchtiger
Riese.
Die armen Kinder hatten von nun an keinen Ort mehr, wo sie spielen
konnten. Sie versuchten auf der Straße zu spielen, aber diese
war sehr staubig und voll mit spitzen Steinen, und das gefiel den
Kindern nicht. Immer wieder schlenderten sie nach dem Unterricht
um die hohe Mauer herum und sprachen von dem herrlichen Garten,
der dahinter verborgen lag. "Wie glücklich waren wir doch
dort", sagten sie zueinander.
Dann kam der Frühling und überall - landauf, landab -
waren kleine Blüten zu sehen, und junge Vögel zwitscherten
vergnügt. Nur im Garten des selbstsüchtigen Riesen war
immer noch Winter. Die Vögel wollten dort nicht singen und
die Bäume vergaßen zu blühen, weil keine Kinder
mehr da waren.
Einmal streckte eine wunderschöne Blume ihren Kopf aus dem
Gras heraus, aber als sie das Hinweisschild sah, hatte sie so großes
Mitleid mit den Kindern, dass sie sich sofort wieder in den Boden
zum Schlafen zurückzog. Die einzigen, denen der Garten noch
gefiel, waren der Schnee und der Frost. "Der Frühling
hat diesen Garten vergessen", riefen sie erfreut, "wir
werden das ganze Jahr über hier bleiben". Der Schnee bedeckte
das Gras mit seinem dicken weißen Mantel und der Frost ließ
alle Bäume silbern erscheinen. Dann luden sie den Nordwind
ein, ihnen Gesellschaft zu leisten - und er kam. Er war in warme
Felle gehüllt, brüllte unaufhörlich durch den Garten
und blies die Schornsteinbleche hinunter. "Welch ein herrlicher
Platz", schwärmte er, "wir sollten den Hagel bitten,
uns zu besuchen". Und der Hagel kam. Jeden Tag prasselte er
drei Stunden lang auf das Dach des Schlosses, bis er fast alle Ziegel
zerstört hatte, und danach sauste er, so schnell er konnte,
quer durch den Garten. Er war ganz in grau gekleidet und sein Atem
war so kalt wie Eis.
"Ich kann nicht verstehen, warum der Frühling in diesem
Jahr so spät kommt", sagte der selbstsüchtige Riese,
als er an dem Fenster saß und in seinen kalten weißen
Garten blickte; "ich hoffe, dass sich das Wetter bald ändert".
Aber es kamen weder Frühling noch Sommer. Der Herbst beschenkte
jeden Garten mit goldenen Früchten, nur den Garten des Riesen
sparte er aus. "Er ist zu selbstsüchtig", sagte der
Herbst. So war anhaltender Winter im Garten; und der Nordwind, der
Hagel, der Frost und der Schnee tanzten im Wechsel zwischen den
Bäumen herum.
Eines Morgens lag der Riese wach in seinem Bett, als er eine wunderschöne
Musik hörte. Sie klang so lieblich in seinen Ohren, dass er
dachte, es könnten nur die Musiker des Königs sein, die
vorbeizögen. In Wirklichkeit aber war es nur ein kleiner Hänfling,
der draußen vor seinem Fenster sang; aber es war so lange
her, seit er einen Vogel in seinem Garten hatte singen hören,
dass er das Gefühl hatte, die schönste Musik der Welt
zu vernehmen. In diesem Moment hörte der Hagel auf, über
seinem Kopf herumzutanzen, der Nordwind stellte sein Gebrüll
ein und ein köstlicher Duft strömte ihm durch das geöffnete
Fenster entgegen. "Ich glaube, nun kommt der Frühling
wohl doch noch", sagte der Riese, sprang aus dem Bett und guckte
nach draußen.
Und was sah er da?
Es war der wundervollste Anblick, den man sich denken konnte. Die
Kinder waren durch ein kleines Loch in der Mauer in den Garten gekrochen
und saßen nun auf den Zweigen der Bäume - in jedem Baum,
den er sehen konnte, ein kleines Kind. Und die Bäume waren
so froh, die Kinder endlich wieder bei sich zu haben, dass sie sich
mit Blüten schmückten und ihre Zweige gleich schützenden
Händen über den Köpfen der Kinder auf und ab bewegten.
Die Vögel flogen umher und zwitscherten vor Vergnügen
und die Blumen schauten lachend aus dem frischen grünen Gras
heraus. Es war ein anmutiges Bild, nur in einer Ecke des Gartens
war noch immer Winter. Dort, in dem entferntesten Winkel, stand
ein kleiner Junge. Er war so klein, dass er nicht an die Zweige
des Baumes heranreichen konnte; immer wieder ging er um ihn herum
und weinte bitterlich. Der arme Baum war immer noch über und
über mit Eis und Schnee bedeckt und der Nordwind blies und
heulte über ihn hinweg. "Klettere nur hinauf, kleiner
Junge!", sagte der Baum freundlich, und beugte seine Zweige
so tief herunter, wie er konnte, aber der Junge war einfach zu klein.
Als der Riese das sah, wurde es ihm ganz warm um das Herz. "Wie
selbstsüchtig bin ich gewesen!", sprach er reumütig
zu sich selbst, "jetzt verstehe ich, warum der Frühling
nicht in meinen Garten kommen wollte. Ich werde den kleinen Jungen
auf die Spitze des Baumes setzen und danach die Mauer niederreißen.
Von nun an soll der Garten auf ewig der Spielplatz der Kinder sein".
Er bedauerte aufrichtig, was er getan hatte.
Der Riese schlich nach unten, öffnete ganz leise die Haustür
und trat in den Garten. Aber als die Kinder ihn sahen, hatten sie
solche Angst, dass sie alle davonrannten - und augenblicklich wurde
es wieder Winter im Garten. Nur der kleine Junge lief nicht fort;
denn er hatte, da seine Augen ganz mit Tränen gefüllt
waren, den Riesen nicht kommen sehen. Dieser näherte sich dem
Jungen ganz vorsichtig von hinten, nahm ihn sanft in seine Hand
und setzte ihn in den Baum. Unverzüglich erstrahlte der Baum
in üppiger Blütenpracht und die Vögel kamen, setzten
sich hinein und sangen; und der kleine Junge streckte seine Arme
aus, schlang sie dem Riesen um den Hals und küsste ihn. Und
als all die anderen Kinder sahen, dass der Riese nicht länger
böse war, kamen sie eilig zurück - und mit ihnen kam der
Frühling. "Von nun an, Kinder, ist dies euer Garten",
sagte der Riese, nahm eine riesige Axt und riss die Mauer nieder.
Und als die Menschen um die Mittagszeit zum Markt gingen, sahen
sie den Riesen mit den Kindern im Garten spielen, dem schönsten
Garten, den sie jemals gesehen hatten.
Sie spielten den ganzen Tag lang, und am Abend gingen sie auf den
Riesen zu, um sich von ihm zu verabschieden.
"Aber wo ist denn euer kleiner Spielgefährte, der Junge,
den ich auf den Baum gesetzt habe?", fragte der Riese. Den
kleinen Jungen liebte er nämlich am meisten, weil dieser ihn
geküsst hatte.
"Das wissen wir nicht", antworteten die Kinder, "er
ist fortgegangen".
"Ihr müsst ihm sagen, dass er morgen unbedingt wiederkommen
soll", sagte der Riese. Aber die Kinder entgegneten, dass sie
nicht wüssten, wo er wohne, und dass sie ihn auch niemals zuvor
gesehen hätten. Daraufhin wurde der Riese sehr traurig.
Jeden Nachmittag, wenn die Schule zu Ende war, kamen die Kinder
und spielten mit dem Riesen. Aber den kleinen Jungen, den der Riese
besonders liebte, sah man nie mehr. Der Riese war sehr freundlich
zu all den Kindern, und dennoch blieb in ihm die Sehnsucht nach
seinem ersten kleinen Freund; immer wieder sprach er von dem Jungen.
"Wie gerne würde ich ihn wiedersehen", pflegte der
Riese dann zu sagen.
Jahre vergingen und der Riese wurde ganz alt und schwach. Er konnte
nicht mehr im Garten spielen, und so saß er in einem riesigen
Lehnstuhl, sah den Kindern beim Spielen zu und erfreute sich an
seinem Garten. "Ich habe zwar viele herrliche Blumen, aber
die Kinder sind die schönsten von allen", sagte er zu
sich selbst.
An einem Wintermorgen schaute er, während er sich anzog, aus
dem Fenster. Jetzt hasste er den Winter nicht mehr, denn er wusste,
dass dies nur die Zeit des schlafenden Frühlings und der sich
ausruhenden Blumen war. Plötzlich rieb er sich verwundert die
Augen - und schaute und schaute. Es war in der Tat ein wundervoller
Anblick. In der entlegensten Ecke des Gartens war ein Baum über
und über mit herrlichen weißen Blüten bedeckt. Seine
Zweige waren vergoldet und silberne Früchte hingen von ihnen
herab. Und unter dem Baum stand der kleine Junge, den der Riese
so sehr in sein Herz geschlossen hatte.
Hocherfreut rannte der Riese nach unten und hinaus in den Garten.
Er hastete über die Wiese und näherte sich dem Kind. Und
als er ganz nah herangekommen war, wurde sein Gesicht rot vor Zorn,
und er fragte: "Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?"
Auf den Handflächen des Kindes waren nämlich die Male
von zwei Nägeln zu erkennen, und die Male von zwei Nägeln
waren auch an seinen kleinen Füßen.
"Wer hat es gewagt, dich zu verletzen?", schrie der Riese
noch einmal, "sag es mir, damit ich mein mächtiges Schwert
ziehen und ihn erschlagen kann".
"Nein!", antwortete das Kind, "denn dies sind die
Wunden der Liebe". "Wer bist du?", fragte der Riese;
eine seltsame Ehrfurcht überkam ihn und er kniete vor dem kleinen
Jungen nieder.
Daraufhin lächelte das Kind den Riesen an und sagte zu ihm.
"Du hast mich einst in deinem Garten spielen lassen, heute
sollst du mit mir in meinen Garten kommen - in das Paradies eingehen".
Und als die Kinder an diesem Nachmittag in den Garten gelaufen kamen,
fanden sie den Riesen tot auf - er lag unter dem Baum und war über
und über mit weißen Blüten bedeckt.
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